Taxifahrt Frankfurt –Mainz

taxi-1.jpg

 Taxifahrt Frankfurt –Mainz  Der ICE erreichte den Hauptbahnhof zu spät. Die letzte S-Bahn nach Mainz war schon abgefahren. Müde lief David zum Servicecenter und verließ dieses kurz darauf mit einem Taxigutschein. Links vor dem Haupteingang befand sich der Taxistand. Die Kälte der Nacht legte sich dezent und doch unerbittlich auf Davids Schultern. Er schritt auf die wartenden Fahrer zu. Sie standen in Gruppen zusammen, redeten gegen die Langeweile der Nachtschicht an und beobachteten dabei die Umgebung. Sofort rief einer David zu sich und schon ging die Fahrt los. Die Hochhäuser der Stadt hatten sich in die Dunkelheit zurückgezogen, nur wenn man genau hinsah, konnten die Riesen erkannt werden. Kein Büro war mehr beleuchtet, dunkle Wolken zogen über sie hinweg. Wenige Autos fuhren zu dieser Zeit durch Frankfurt. Es schien David, als ob die Straßen ihm und seinem Fahrer gehören. Er genoss den Blick durch das Beifahrerfenster. Doch schon nach wenigen Metern wurde er durch ein gebrummtes „Kennst du dich damit aus?“, zurück auf seinen Beifahrersitz geworfen. Der Taxifahrer zeigte auf das GPS-System, das verwirrende rote und grüne Linien präsentierte. „Nein.“, gab David zu und schon bremste das Auto energisch. Der Fahrer nuschelte erneut etwas Unverständliches und begann mit der Zentrale zu telefonieren. Es folgte ein lautes Gespräch auf Arabisch, was David weniger besorgte, als die Tatsache, dass sich das Auto dabei mitten auf der Hauptstraße befand. Stehend und kurz hinter einer Kurve.  Das Gespräch zog sich in die Länge. Finger drückten verschiedenste GPS-Tasten, doch die Verwirrung wollte sich nicht auflösen. Flüche erreichten die Zentrale und weil sich der Taxifahrer, ein Jordanier, auch nicht das Hupen überholender Autos gefallen lassen konnte, kämpfte er gleich an zwei Fronten: Per Handyanweisungen mit dem GPS und per wütenden Rufen aus dem Fenster gegen davon eilenden Protestlern. In beiden Kriegen kämpfte er tapfer, unbeirrt und glücklos. Irgendwann, David spielte längst mit dem Gedanken auszusteigen, geschah es endlich. Das GPS erbarmte sich und war nun bereit, das Fahrziel aufzunehmen.  Eine Display-Tastatur präsentierte die Buchstaben des Alphabets und kurz darauf setzte sich das Taxi wieder in Bewegung.  Bald war die Stadtgrenze erreicht und es ging auf die Autobahn. „Ich mach das erst seit zwei Tagen.“, bestätigte der Fahrer, was David längst vermutet hatte. Als sich die erste Kreuzung näherte, gesellte sich noch eine Frau zu den beiden ins Auto. Genauer, eine Frauenstimme. Eine Frauernstimme, die sich penetrant in den Mittelpunkt zu rücken verstand, und mit Fachwissen zu protzen wusste. „In 500 Metern links abbiegen, dann links abbiegen.“, „Bitte wenden sie.“, „Die nächste Ausfahrt nehmen, dann links halten.“, „250 Meter, dann wenden.“, „Bitte wenden sie.“  Der Berufsneuling kämpfte anfangs noch gegen die Belehrungen an (dass wäre ja noch schöner, wenn sich ein Araber von einer Frau sagen lässt, wo es lang geht), doch nachdem sich das Taxi bald hoffnungslos in einem Ort irgendwo im Nichts zwischen dem Start und dem Zielort verfahren hatte, begann er langsam nachzugeben. Zuerst noch unter Protest „Halt den Mund, Frau!“, dann mit immer mehr Vertrauen in ihren Rat „Hör ihr zu David, sie hat Recht.“, bis es schließlich in eine beinahe sklavische Verehrung mündete: „Sie sagt es, also machen wir es.“ Unter dem Kommando des körperlosen Wesens verlief die weitere Reise zügiger, weswegen sich David Hoffnungen machte, irgendwann noch zuhause anzukommen.Kurz vor der Autobahnabfahrt Mainz geschah dann allerdings ein Drama. Der Fortschrittsglaube setzte sich gegen den gesunden Menschenverstand durch. David sagte beim Anblick des Schilds: „Sehr gut, hier müssen wir runter, dann sind wir gleich da!“, ruhig wechselte der Fahrer darum auf die Abbiegerspur. Dann tönte es durch das Innere: „Halten sie sich links.“ Wiederum ruhig setzte der Fahrer den Blinker in Bewegung, setzte zurück auf die Autobahn und gab Gas. „Bleiben sie auf dieser Straße!“,  säuselte es falsch aus dem GPS. „Aber,“ wollte David sich beschweren, doch der Taximann zeigte nur schweigend mit dem Finger auf die Sprechmuschel, die erneut höhnte „Halten sie sich links!“ David hatte das Gefühl, dass der Fahrer viel Respekt vor seiner Führerin hatte. Er konnte aus der Ferne sehen, wie die Domspitze von Mainz hinter ihnen zurückblieb. Bald dürften sie Bingen erreichen und danach Koblenz und Bonn. David fühlte sich seiner Gegnerin ausgeliefert, sie hatte es in ihrer Macht, wo die Reise noch hinführen sollte. Sie und der Benzinstand. „Ich wohne in Mainz, wir hätten da abbiegen sollen, dann wären wir gleich am Ziel gewesen!“, setzte er nochmals an. „Haben sie die Frau nicht gehört?“, kam es nun als Antwort und ehe David reagieren konnte, musste er noch über sich ergehen lassen, wie die Heintückische auch die nächste Ausfahrt ausschlug: „Halten sie sich links.“ „Sie ist nur eine Software, ich kenn mich hier aber aus!“, „Nein, wir sollten auf sie hören.“, „Halten sie sich links!“, „Aber nicht wenn wir wissen, wo wir sind!“, „In 800 Metern abbiegen!“, „Sie wussten aber vorhin nicht, das GPS wusste es aber immer!“, „In 500 Metern abbiegen!“, „Weil sie mich in Frankfurt fragten wo wir sind! Ich kenn mich in Frankfurt doch nicht aus!“, „GPS schon!“, „In 200 Metern abbiegen.“, „Das mag sein, aber wer sich dort auch auskennen sollte, sind sie!“, „In 100 Metern abbiegen!“, „Warum, wenn GPS doch alles weiß?“, „Sie haben die Ausfahrt verpasst. Bitte wenden sie!“. Der Fahrer stieg auf die Bremse, die Räder quietschten, der Wagen geriet leicht ins schleudern, der Gurt zog sich um Davids Oberkörper. Das Taxi rutschte in den Graben. „Bitte wenden sie!“, wiederholte die Frau ihre Anweisung. Stumm saßen die beiden Männer im Wagen. Weit und breit waren keine anderen Autos zu sehen. „Bitte wenden sie!“, drängte sie weiter. „Lass uns tun, was sie sagt!“, flüsterte der jordanische Fahrer. Es lag etwas Unruhiges in seiner sonst so gleichgültigen Stimme.Gemeinsam schoben sie den Wagen wieder auf die Straße. Er war etwas die Böschung heruntergerutscht. Bald stand der Wagen wieder auf dem Standstreifen. Aus dem Inneren folgte weiterhin die Aufforderung „Bitte wenden sie!“ Weil nichts am Taxi wirklich schaden genommen hatte, konnte die Fahrt tatsächlich weitergehen. David versuchte noch Einfluss auf das Kommende zu nehmen „Wir müssen nicht wenden, wenn wir noch etwas weiter…“, doch gab er auf, als ihm die Frau wieder ins Wort fiel.  Teilnahmslos ließ er es über sich ergehen, wie er zum ersten Mal in seinem Leben zum Geisterbeifahrer wurde. Zwei Wagen kamen ihnen entgegen und blendeten auf. Natürlich wehrte sich der Taxifahrer auch gegen diese Provokationen und täuschte einen Ausbruch des Wagens an. Nach einer stundenlangen Minute erreichten sie die Ausfahrt. Die Autoscheinwerfer enthüllten ein Schild: „Mainz-Kastel 15Kilometer“. „Na also“, brummte der Fahrer zufrieden. „Folgen sie dieser Straße, biegen sie an der nächsten Kreuzung links ab.“, erklärte die GPS-Dame und David war noch immer vor Schreck sprachlos. Sie näherten sich langsam einer Ortschaft, zu den bisher nur einsam daliegenden Bauernhöfen und Gehöften, gesellten sich immer öfter kleine Wohnhäuser. Hin und wieder konnte auch wieder der erhellte Dom in der Ferne gesehen  werden. „Biegen sie hier links ab!“, forderte an der Kreuzung erneut die Stimme. Doch nicht einmal der bisher so fatalistische Anhänger ihrer Weissagungen wollte ihr diesen Wunsch nun erfüllen. Nervös versuchte er ihr Drängen zu ignorieren. Dort, wo sie einbiegen wollte, befand sich eine riesige Öffnung im Erdboden. Die Straße war aufgerissen und auf ganzer Länge eine Baustelle. „Hier geht’s nicht weiter!“, sagte der Fahrer weniger zu sich oder David, sondern viel mehr zum GPS-System. „Biegen sie hier links ab!“, ignorierte es diese Information. Einen Moment lang fürchtete David, dass sich das Taxi nun trotzdem gleich in den Abgrund stürzt, doch siegte dieses Mal der gesunde Menschenverstand. „Hier geht’s nicht weiter!“, wiederholte er seine Feststellung. Das Auto drehte vorsichtig und fuhr wieder zur Autobahn. Im Rückspiegel wurde der Dom immer kleiner. Nachdem die Stimme wegen dieser Befehlsverweigerung etwas beleidigt schien, dauerte es etwas, bis sie sich wieder zu Wort meldete. Sie wollte sich noch nicht geschlagen geben: „Wenden sie, biegen sie an der nächsten Kreuzung links ab.“ Vergeblich, Gott sei Dank. Jetzt ging es wieder auf der Autobahn Richtung Frankfurt. Der Dom lag plötzlich rechts neben dem Auto, weit entfernt und durch den Rhein getrennt. Auf einem Schild stand nun „Mainz-Bischofsheim 1,5 Kilometer“, David informierte den Fahrer, dass dies die richtige Abfahrt sei, ein teilnahmsloses „Gut“ antwortete, dann nickte David in dem beruhigenden Gefühl ein, es bald geschafft zu haben.  Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als ihn ein wütender Schrei weckte. Aber irgendetwas stimmte nicht mehr, soviel war ihm sofort bewusst. Erstens hätten sie die Autobahn schon längst verlassen haben müssen, zweitens konnte er aus wenigen hundert Metern Entfernung ein Flugzeug landen sehen, drittens fehlte etwas im Auto. Tatsächlich, während David geschlafen hatte, kam es zur dramatischen Trennung zwischen Fahrer und Führerin. Der weckende Schrei war ein letzter wütender Abschiedsgruß gewesen, ehe die vorlaute und körperlose Frau aus dem Fenster flog. Angeblich hatte sie zuvor einen erneuten Umweg verschuldet. Auf ihr Anraten hin, mied der Fahrer nämlich die Ausfahrt „Mainz-Bischofsheim“, sie wollte das Taxi offenbar auf die Straße Richtung Mannheim locken. Dies habe er aber, so erzählte es der Taximann nun atemlos, zu verhindern gewusst. Offenbar fand während des Nickerchens erneut eine kurze Geisterfahrt statt, denn das Auto hatte schon die Abfahrt „Mannheim“ genommen, ehe der Betrogenen die Falle bemerkte. Aus einer Restvernunft heraus hatte er aber entschieden, nicht bis zur verpassten Mainzer Abfahrt gegen den Verkehr zu fahren. Also mussten sie nun auf die nächste Gelegenheit warten, wieder wenden zu können.Der Dom lag längst wieder weit entfernt. Scheinbar aus dem Wald heraus erhob sich eine leuchtende Boeing. Dann lag auch der Flughafen wieder hinter David. Er blickte auf die Uhr und als sie das Stadtschild „Frankfurt“ passierten und das Taxi gerade wenden wollte, um den nächsten Versuch zu starten, schlug David ein neues Reiseziel vor: Frankfurt Hauptbahnhof.  

„Wie sie wollen!“ und schon näherten sie sich dem neuen Endpunkt. Zwar gelang es dem Fahrer, sich sogar noch innerhalb der Stadt kurz zu verfahren, doch verglichen mit dem vorherigen Desaster, erschien dies wie ein kaum erwähnenswerter Lapsus. Nach einer letzten Kurve baute sich das breite Bahnhofsgebäude vor ihnen auf. Das Taxi fuhr in den Taxistand, aus dem rollenden Wagen heraus begann der Fahrer seinen Kollegen zu erzählen, dass das GPS-System explodiert sei und wegen der Rauchentwicklung die Reise nach Mainz abgebrochen werden musste. David fand diese Geschichte extrem unglaubwürdig, aber interessierter sich auch nicht weiter dafür. Dann wurde der Motor abgestellt, der Taxigutschein wechselte den Besitzer, der Fahrer bemerkte zufrieden: „Ziel erreicht!“ und David stieg aus. Mittlerweile fuhren wieder die ersten S-Bahnen nach Mainz. Erschöpft setzte er sich in die nächste hinein und war froh, dass die Fahrer dieser Fortbewegungsmittel auf den Routenverlauf nur bedingt Einfluss nehmen können. 

One Response to “Taxifahrt Frankfurt –Mainz”

  1. Gratulation zu dem gelungenen Text. Hat mir sehr gut gefallen.


Leave a Reply